Die heilsame Kraft der Maschen

 

Was unsere Großmütter noch nicht wussten, ist heute wissenschaftlich erwiesen: Stricken ist gesund für Körper und Geist. Die lange Zeit als altbacken abgestempelte Handarbeit hat eine Reihe positiver Effekte: Stricken senkt den Blutdruck, baut Stress ab, stärkt Selbstvertrauen, Kreativität und logisches Denken. Seit im Jahr 2004 die Strickwelle über den großen Teich geschwappt ist, liegt die Arbeit mit den Maschen auch hierzulande voll im Trend der Zeit. Vor allem in Großstädten ist das einst belächelte Hobby extrem beliebt. Immer mehr Strickcafes und Wolläden in Szenenbezirken, Internet-Communities sowie Stricktreffen an öffentlichen Plätzen offenbaren die Neuentdeckung einer jahrtausendealten Tradition. Die Liebe zu Nadeln und Faden ist mehr als eine austauschbare und kurzlebige Lifestyle-Masche. Darüber herrscht Einigkeit.

 

 

Besser als Meditation

 

"Die Arbeit mit Wolle beseitigt Stress". Und stressig ist das Leben immer mehr. Genau wie Meditation oder Beten ermöglicht Stricken die passive Freisetzung abschweifender Gedanken. Die rhythmische und monotone Qualität des Strickens, zusammen mit dem Klicken der Stricknadeln, ähnelt einem beruhigenden Mantra. Die Gedanken können lose umher schweifen, während sich der Verstand auf die Strickarbeit konzentriert.``Psychologen bezeichnen Stricken deshalb als das neue Yoga.

 

 

Stricken auf Rezept

 

In den USA empfehlen Ärzte inzwischen schwerkranken Patienten die Arbeit mit der Nadel, bevor sie Antidepressiva verordnen. Das New Yorker Cabrini Medical Center rät Patienten, die beschwerliche Behandlungen durchstehen müssen, zur Handarbeit. Stricken gehöre neben Nähen und Malen zu den Tätigkeiten, bei denen sich Patienten trotz Ihrer Schmerzen `` wieder als Menschen fühlen`` könnten, glaubt die Krankenschwester Helen Carrier. Wer das erste selbst gefertigte Stück in den Händen hält, wird vom Belohnungszentrum im Gehirn mit Glückshormonen überschwemmt. Deswegen kommt auch der New Yorker Rentner und ehemalige Krebspatient Owen Fischer nicht mehr vom Stricken los. Während seiner Chemotherapie 1997 fand er Ablenkung und Trost bei der Nadelarbeit: `` Seitdem habe ich nie aufgehört zu stricken.`` In einem Strickcafe hat Fischer Anschluss gefunden und fühlt sich dort mittlerweile wie zuhause: ``Ich lebe praktisch hier``.

 

 

Training fürs Gehirn

 

Stricken ist nicht nur Balsam für die Seele: Es ist auch Training fürs Gehirn, da beide Hirnhälften beansprucht werden. Neben manueller Koordinationsfähigkeit sind die Talente eines Managers gefordert: gestalterische Ideen und schnelle Problemlösungen. Schon beim Befolgen von unter Laien und Anfängern als unlesbar geltenden Strickanleitungen kommt es auf Vorstellungskraft und Logik an: `` 1 Randm., 3 M. re., * 3 M. auf einer Hilfsnadel vor die Arbeit legen, 3 M. re., die M. der Hilfsnadel re., ab * fortlf. wiederholen. Die Reihe endet mit 3 M. re., Randm.`` Wem geht da sofort ein Licht auf? Ein kleiner Tipp: M steht für Masche``.

 

 

Ausstieg aus der Konsumwelt

 

Hängt es nur mit einer ganzheitlichen Gesundheitswelle zusammen, dass sich immer mehr Menschen in Ihrer Freizeit für die Arbeit mit der Masche entscheiden? Anthropologen verneinen das. Stricken ist heute Ausdruck von Idividualität und radikales Gegenkonzept zur Massenware a` la H&M und IKEA. Laut Anthropologin Paige West von der Columbia University erfüllen sich Menschen beim Stricken den Wunsch , etwas Eigenes, von A-Z selbst Produziertes zu schaffen. Wer strickt, bricht aus dem Konsumenten-Dasein aus. Wests Fazit: Durchs Stricken bekommt der moderne Mensch wieder einen Bezug zu seiner Arbeit und empfindet etwas heutzutage Seltenes:

 

 

"Werkstolz". ENTFREMDUNG EINFACH WEGGESTRICKT!

 

Die Rückbesinnung auf das einfache Handwerk ist nicht neu. Schon die Industriekritischen Künstler der englischen Arts&Crafts Bewegung ( 1860 bis 1910 ) hatten sich in Abkehr zur genormten Massenfertigung dem handgefertigten Unikat verschrieben.

 

 

Nur eine "coole" Masche?

 

Strick-Fans sehen sich dennoch mit Spott konfrontiert: Nur eine Modeerscheinung sei es, die es gelangweilten Großstädtern erlaube, sich abzuheben,   "cool" zu sein. Villeicht spielt Eitelkeit tatsächlich eine Rolle. Doch zumindest einmal sollten Zweifler eine selber gestrickte Mütze in den Händen halten, um wirklich mitreden zu können.